Rashad Al-Khafaji: Das Internationale Jahr der Bäuerin ist weit mehr als ein symbolischer Akt

Wer in Frauen investiert, investiert in Ernährungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität und zukunftsorientierte Klimaanpassung.
Direktor Rashad Al-Khafaji.jpg
Direktor Rashad Al-Khafaji © Mathis Studio
Viele Menschen werden sich fragen, wozu braucht es ein Jahr der Bäuerin? Was soll damit bezweckt werden? “Nun die Vereinten Nationen haben diesen Schritt bewusst gesetzt und verfolgen damit drei zentrale Ziele: Sichtbarkeit - die Leistungen und Rollen von Frauen im gesamten landwirtschaftlichen System weltweit stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Gleichstellung - politische Aufmerksamkeit auf die systemischen Barrieren zu lenken, die Frauen in Agrar- und Ernährungssystemen bremsen - von Landrechten über Finanzierung bis hin zur Bildung und zur politischen Gestaltung. Transformation, Innovation, Digitalisierung, Klimaanpassung, nachhaltige Produktionsmodelle voranbringen. Denn Frauen leisten in der Landwirtschaft einen unverzichtbaren Beitrag zur Ernährungssicherheit, Nachhaltigkeit und zur wirtschaftlichen Stabilität in den verschiedenen Gebieten. Jedoch bleibt dieser Beitrag global betrachtet meist unzureichend anerkannt, oft politisch zu wenig unterstützt und manchmal nahezu unsichtbar“, unterstrich Rashad Al-Khafaji, Direktor des Verbindungsbüros der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) zu Brüssel und der EU, in seiner Rede.
 
Die Initiative kommt zur rechten Zeit. Studien zeigen, dass Bäuerinnen weltweit im Durchschnitt kleinerer Flächen bewirtschaften als Männer. Selbst bei gleicher Betriebsgröße beträgt ihre Profitabilität nur 24%. “Diese Situation ist nicht nur ungerecht, sie bremst auch die Entwicklung unserer Ernährungssysteme und bedroht daher unsere Zukunft“, zeigte Al-Khafadji anhand des “State of Food Security and Nutrition in the World“-Berichts der FAO für das Jahr 2024 auf: 673 Mio. Menschen litten in diesem Jahr an chronischem Hunger, 2,6 Mrd. hatten keinen Zugang zu gesunder Ernährung.
 
Hinter diesen Zahlen stehen globale Entwicklungen, die auch in Europa und in Österreich spürbar sind. Konflikte, die Handel und Lieferketten schwächen, der Klimawandel, der die Produktionskosten erhöht, soziale Ungleichheit, die regionale Unterschiede verstärkt. Al-Khafadji: “Frauen tragen diese Lasten besonders stark. Viele von ihnen sind zugleich für Haushalt, Lebensmittelverarbeitung, Kinderbetreuung und vieles mehr verantwortlich. Und ihnen stehen weltweit betrachtet wenige Ressourcen zur Verfügung.“ Und auch der Klimawandel spielt als Treiber akuter Hungersituationen weltweit eine besondere Rolle.

Klimawandel trifft Frauen stärker

“Auch hier gibt es geschlechterspezifische Ungerechtigkeiten. Denn es verlieren von Frauen gefühlte Haushalte im Durchschnitt 8% mehr Einkommen durch Hitze und 3% mehr durch Überschwemmungen als von Männern geführte Haushalte. Ein FAO-Bericht stellt einen klaren Zusammenhang zwischen Geschlechter-Ungleichheit und der Anpassungsfähigkeit von Frauen an den Klimawandel her. Er zeigt, dass tief verwurzelte, diskriminierende Geschlechternormen und politische Rahmenbedingungen, die den Zugang von Frauen zu Land, Finanzierung und Technologie einschränken, die Fähigkeit von Bäuerinnen, Klimawiderstandsfähigkeit aufzubauen, erheblich behindert. Gleichzeitig treiben Konflikte und geopolitische Spannungen die Kosten für Dünger, Energie und Transport in die Höhe. Für viele Bäuerinnen verstärkt sich dadurch der wirtschaftliche Druck und die Unsicherheit.
 
Analysen der FAO zeigen klar, wenn Frauen gestärkt werden, verbessert sich das Wohlergeben ganzer Haushalte, Hunger geht zurück, Einkommen steigen, die Ernährungsvielfalt nimmt zu und Gemeinschaften werden insgesamt widerstandsfähiger. Hätten Frauen weltweit gleichen Zugang zu Beschäftigung, Einkommen und Bildung in der Landwirtschaft, könnten bis zu 52% der weltweiten Ernährungslücke geschlossen werden“, führte der Diplomat weiter aus.
 
Frauen bewahren häufig traditionelle Sorten und lokales Saatgut. Sie sind zentrale Ressource für eine klimaresiliente Landwirtschaft. Sie stärken regionale Wertschöpfungsketten, treiben Diversifizierung voran und sind oft Vorreiterinnen nachhaltiger Praktiken wie Agroforstwirtschaft, Direktverwaltung und Kreislaufwirtschaft.
 
Al-Khafadji: “Die Schlussfolgerung ist eindeutig. Wer in Frauen investiert, investiert in Ernährungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität und zukunftsorientierte Klimaanpassung.“

Das Internationale Jahr der Bäuerin ist ein globales Arbeitsprogramm

Die FAO definiert 6 zentrale Schwerpunkte innerhalb dieses Jahres: Öffentliches Bewusstsein für die Rolle der Bäuerinnen stärken, Landrechte gerecht ermöglichen, Zugang zu Finanzdienstleistungen sichern, den technischen Bedarf identifizieren, Zugang zu Beratungen und Bildung verbessern, politische Grundlagen und Investitionen fördern, die Frauen in Agrarsystemen stärken und internationale Synergien schaffen, um globale Aktivitäten zu fördern.
 
“Österreich kann 2026 maßgeblich mitgestalten in diesem Prozess. Durch Austauschprogramme, durch das sichtbar machen regionaler Erfolgsgeschichten, durch Beiträge zu globalen Wissensnetzwerken, durch seine starke Aus- und Weiterbildungstradition, durch eine klare Stimme, die sagt, Frauen gehören ins Zentrum der entscheidenden Prozesse in der Landwirtschaft, und zwar gleichberechtigt. 2026 ist ein Jahr, das die Richtung vorgibt, hin zu mehr Nachhaltigkeit, Resilienz und globaler Ernährungssicherheit. Ihr Bäuerinnen trägt nicht nur eure Höfe, eure Familien und eure Region, ihr trägt einen entscheidenden Teil dazu bei, wie unsere globale Zukunft ausschaut. Eure Arbeit ist zentral für Haushaltsentwicklung, Ernährungsvielfalt, Ernährungssicherheit und Resilienz. Ihr seid Hoffnung für viele und Vorbild für uns alle“, so Al-Khafadji abschließend.
Alle Fotos vom diesjährigen Bundesbäuerinnentag können Sie hier einsehen.