FRAUEN.WAHL.RECHT

Frauen kämpfen um ihr Recht auf politische Teilhabe
Politik- und Rechtswissenschaftlerin Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle/FH Klagenfurt (li)  Tatjana Nikitsch und DI Michaela Glatzl/LK Österreich (re) © LKÖ/APA/Dietmar Mathis
Politik- und Rechtswissenschaftlerin Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle/FH Klagenfurt (li), Tatjana Nikitsch und DI Michaela Glatzl/LK Österreich (re) © LKÖ/APA/Dietmar Mathis
Bis ins 20. Jahrhundert der Habsburgermonarchie war der "Stand", die Repräsentation von materiellem Besitz, für politische Teilnahme entscheidend. Frauen mit Besitz und Vermögen die darüber verfügen konnten und Steuern zahlten, wurden im Zuge der Gemeindeautonomie 1849/50 wahlberechtigt. Meist durften Frauen das Wahllokal nicht selbst betreten: Der wahlberechtigte Ehemann gab für seine Ehefrau die Stimme ab oder ein männlicher Bevollmächtigter für ledige, verwitwete oder geschieden Frauen. Dort, wo Frauen persönlich wählen durften, wurden die Wahlergebnisse mitunter beanstandet oder die weiblichen Stimmen erst gar nicht angenommen. Ausserdem waren Frauen ausdrücklich vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen, d.h. sie durften nicht Gemeinderätinnen, Landtagsabgeordnete oder Abgeordnete des Reichsrates werden. In größeren Städten wie Prag, Triest und Wien, erhielten Frauen überhaupt kein Stimmrecht.

Im Jahr 1867 wurde im §30 des Vereinsgetzes festgelegt, dass „Ausländer, Kinder und Weibspersonen sich nicht in politischen Vereinen organisieren dürfen und mit der Einführung des allgemeinen, gleichen Männerwahlrechts im Jahr 1907 verloren auch die Großgrundbesitzerinnen als letzte Gruppe das Wahlrecht.

Ab diesem Zeitpunkt intensivierten die Frauen ihren Kampf für das Wahlrecht. Die sozialdemokratischen Frauen zogen 1911 in Wien über die Ringstraße zum Parlament um ihrer Forderung nach dem Frauenwahlrecht Nachdruck zu verleihen. Die bürgerlichen Frauen verfassten Petitionen und betrieben Lobbyarbeit. Nur von ausgesprochen konservativ orientierten Frauenkreisen waren gegen das Frauenwahlrecht.

Dass am 12. November 1918 Frauen in Österreich tatsächlich das Wahlrecht erhielten, war für Teile der Gesellschaft ein unfassbarer Erfolg - und für viele andere eine Ungeheurlichkeit. Die Geschlechterrollen zu jener Zeit basierten auf dem Allgemein Bürgerlichen Gesetzbuch von 1811: Frauen und Kinder waren dem alleinigen Führungsanspruch des Mannes unterstellt. Der Mann war Oberhaupt der Familie und hatte für die finanzielle Existenz zu sorgen. Diese Gesellschafts- und Geschlechterordnung wiesen den öffentlichen und politischen Raum sowie die Erwerbsarbeit dem Mann zu und den privaten Raum der Frau.

Der private, häusliche Bereich bedeutete sehr zeitaufwändige und vor allem körperlich schwere Versorgungsarbeit: Ein Haushalt mit mindestens 5 Personen, oft mehr, wurde mit Essen, das täglich frisch zubereitet werden musste, versorgt, er wurde ohne Strom oder Fließwasser sauber gehalten, gekehrt, geschrubbt, gespült und die gesamte Wäsche händisch gewaschen. Die Aufzucht und Erziehung der Kinder, die meist im Jahrestakt geboren wurden, waren ebenso Frauensache wie die Pflege kranker und alter Personen. Die Lebensbedingungen waren meist karg, die hygienischen Bedingungen schlecht und es gab keine medizinische Grundversorgung. Viele Kinder und Kranke starben, weil ärztliche Konsultation und Medikamente teuer und privat zu bezahlen waren. Die Mehrheit der Bevölkerung konnte dieses Geld nicht, oder nur unter großen Entbehrungen oder dem Verkauf von Besitz aufbringen.

Historisch gesehen war seit jeher die existenzsichernde Mitarbeit von Frauen üblich und notwendig. Vor rund 150 Jahren war Österreich noch ein Agrarland, in dem 75 % der Bevölkerung dem Bauernstand angehörten (1961 waren es nur noch rund 16 %). In der Landwirtschaft - als Bäuerin, Magd oder Tagelöhnerin – verrichteten Frauen genauso körperlich schwere Arbeiten wie Männer. Der Verkauf und Kleinhandel (Laden, Marktstand) waren über viele Jahrhunderte Domäne der Frauen. Tätigkeiten wie Zuarbeiten in der Vor- und Nachbereitung handwerklicher Produkte, im Verkauf oder die Bezahlung von Abgaben, Steuerleistungen und Schulden wurden oft von Frauen erledigt. Handwerk und Gewerbe konnten auf die Mitarbeit von Frauen nicht verzichten. Allerdings gab es für Frauen weder eine Entlohnung, noch irgendwelche Rechte. Bäuerinnen hatten hier einen Vorteil, da sie oftmals Mitbesitzerinnen der Höfe und somit zumindest im Alter eine Absicherung zu erwarten hatten.

Mitte des 19. Jahrhunderts zogen immer mehr Menschen, vor allem jene die keinen Besitz hatten, in die Ballungsräume, um in den Fabriken regelmässige Arbeit zu finden. Frauen wurden aufgrund fehlender Qualifikation bei gleicher Arbeit um 40 - 50% geringer entlohnt. Als billige, angelernte Hilfskräfte waren sie aber ein wichtiger Faktor in der Massenproduktion. Höhere Löhne bekamen nur männliche Facharbeiter.

In den Fabriken kamen viele Frauen erstmals mit politischen Forderungen in Kontakt, denn am Hof, bei der Heimarbeit oder als Dienstbotin waren Frauen einerseits räumlich "isoliert" und aufgrund der langen Erwerbs- und Haushaltsarbeiten auch zeitlich gebunden. Die Arbeit von Frauen - ob in der Landwirtschaft, Fabrik, als Dienstbotin oder im Gewerbe - begann meist weit vor Sonnenaufgang und reichte durchgehend bis spät in die Abendstunden hinein, oftmals weit nach Mitternacht. Die Erwerbslosigkeit der Frau, die sich nur um Heim und Kinder kümmerte, konnten sich historisch gesehen immer nur kleine Minderheiten reicher adeliger oder bürgerlicher Kreise leisten.

Während des 1. Weltkriegs nahm die Frauenarbeit auch in der Metall- und Rüstungsindustrie rapide zu. In öffentlichen Betrieben wie Post und Bahn, wurden immer mehr Frauen beschäftigt. In der Landwirtschaft übernahmen Frauen all jene schweren Arbeiten, die traditionell nur von Männern verrichtet wurde. Aufgrund des Krieges gab es immer weniger arbeitsfähige Männer. Entweder waren sie zu jung, zu alt oder als Krüppel heimgekehrt. Obwohl der Staat Familien, deren Männer zum Kriegsdienst einberufen worden waren, einen Unterhaltsbeitrag zahlte, mussten die meisten Familien hungern, da sich binnen kürzester Zeit sich sämtliche Grundnahrungsmittel verteuerten. Es blieb kein Geld für Miete, Kleidung oder Reparaturen übrig. Aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes vieler Frauen, sank die Zahl der Neugeborenen in Österreich während der Kriegsjahre etwa auf die Hälfte.

Mit dem 1. Weltkrieg zerbrach die Monarchie und mit ihr die "alte Ordnung". In Abwesenheit der Männer waren es die Frauen, die das Leben in der Heimat aufrecht hielten. Obwohl es kein Argument mehr gab, Frauen aufgrund ihres Geschlechts das Wahlrecht vorzuenthalten, mussten Vertreterinnen aller Organisationen gemeinsam bis zuletzt dafür kämpfen.

Im Dezember 1918 wurde schließlich die neue Wahlordnung beschlossen und das Wahlalter auf 20 Jahre festgelegt. Das passive Wahlrecht erlangten Frauen und Männer mit 29 Jahren. In allen Parteien waren Politiker sehr beunruhigt über die Unüberschaubarkeit der neuen Wählermasse, die erstmals am 16. Februar 1919 zu den Wahlurnen schritt. Die Wahlbeteiligung der Frauen lag bei 82,1 Prozent, jene der Männer bei 86,9 Prozent. 162 Männer und acht Frauen erhielten ein Mandat: Mit Anna Boschek, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel, Maria Tusch und Hildegard Burjan zogen die ersten Frauen ins Parlament ein.