Nachgefragt bei Landes- und Almbäuerin Claudia Entleitner aus Piesendorf

Das Jahr der Bäuerin rückt Frauen in der Landwirtschaft ins Rampenlicht - ihre Arbeit, ihre Stimmen und ihre Geschichten. Gerade die Almbäuerinnen prägen mit ihrer Erfahrung und ihrem Engagement nicht nur die Kulturlandschaft, sondern auch das gesellschaftliche Bild der bäuerlichen Arbeit.
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Claudia Entleitner © Horn
Eine von ihnen ist Claudia Entleitner: Vizepräsidentin der Landwirtschaftskammer Salzburg, Landesbäuerin in Salzburg und selbst praktizierende Almbäuerin. Sie verbindet politische Funktionen mit gelebter Praxis, setzt sich für die Anliegen der Bäuerinnen ein und zeigt, wie vielfältig und anspruchsvoll das Leben auf der Alm ist. Das Gespräch mit Claudia Entleitner führte unser Almfuchs.
 

2026 soll laut UNO das Jahr des Hirtentums und der Bäuerinnen werden. Für dich als Almbesitzerin und als Landesbäuerin eher ein Anlass, den Status Quo zu feiern oder den Finger in offene Wunden zu legen?

Für mich ist es beides: Die Almwirtschaft hat nach wie vor eine enorme Bedeutung und bietet viele Gründe, stolz zu sein. Sie schützt vor Naturkatastrophen, hält die Kulturlandschaft offen und stärkt Biodiversität sowie die Bodenstruktur. Gleichzeitig ist es wichtig, die Bäuerinnen und Bauern zu entlasten und die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Almwirtschaft auch in Zukunft tragfähig bleibt. Dieses Jahr bietet die Chance, für Bäuerinnen und die Almwirtschaft politisch wie gesellschaftlich ein starkes Zeichen zu setzen.

Welche Schwerpunkte, die die beiden Jahresthemen verbinden, werden die Bäuerinnen-Organisationen im kommenden Jahr setzen? Was ist an Aktivitäten geplant?

Wir möchten sichtbar machen, welchen unverzichtbaren Beitrag Frauen seit Generationen leisten. Geplant sind vielfältige Bildungsangebote für Bäuerinnen, ein Salzburger Bäuerinnen-Treffen sowie ein Kurzfilm “Zeitspuren der Bäuerin“. Beim Charta-Treffen 2026 vernetzten sich beispielsweise Obleute von Verbänden, Vereinen und anderen Institutionen, zur Unterzeichnung der Charta und erarbeiten konkrete Schritte für mehr Gleichstellung im ländlichen Raum.

Frauen sind auf der Alm seit Jahrhunderten die “stillen Heldinnen“. Warum glaubst du, sind sie in den almwirtschaftlichen Gremien immer noch unterrepräsentiert?

Ein Grund liegt sicherlich in traditionellen Strukturen, in denen Männer meist Männer für Nachfolgen in Gremien vorgeschlagen haben. Zudem scheuen manche Frauen die zeitliche Belastung neben Familie und Betrieb. Es braucht mehr Offenheit und gezielte Motivation, Frauen aktiv einzubinden. Veränderung passiert aber bereits - nur Schritt für Schritt.

Warum gibt es so wenige Obfrauen von Gemeinschaftsalmen, Alpmeisterinnen oder Funktionärinnen?

Historisch waren diese Funktionen stark männlich geprägt, und solche Muster wirken lange nach. Zudem fehlen oft Vorbilder, die zeigen, dass diese Rollen auch für Frauen selbstverständlich sind. Mit gezielter Förderung können wir diese Lücke schließen.

In der Politik setzt du dich stark für eine Stärkung der Bäuerinnen ein. Wo möchtest du 2026 echte Veränderungen sehen?

Ich wünsche mir ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Männern und Frauen in allen relevanten Gremien. Zudem braucht es Fortbildungen, besonders zu rechtlichen, finanziellen und sozialen Themen. Unsere Charta stärkt den Auftritt vieler Bäuerinnen und gibt ihnen Rückenwind. Und grundsätzlich gilt: reden, vernetzen und die Stimme erheben.

Wie sehr nervt es dich, wenn bei Almthemen über Frauen gesprochen wird statt mit ihnen?

Dieses Problem betrifft nicht nur die Almwirtschaft - Frauen werden generell zu selten direkt eingebunden. Viele Bäuerinnen sind Betriebsführerinnen und tragen große Verantwortung. Sie bringen eine Sichtweise ein, die Männern manchmal schlicht unbekannt ist. Daher müssen Frauen viel stärker in Entscheidungsprozesse integriert werden.

Deine Familie besitzt und betreibt ja selbst eine Alm: Wie schaut bei euch Gleichberechtigung im Almalltag aus?

Wir haben klare Aufgabenteilungen: Stallarbeit, Waldarbeit, Viehmanagement. Vieles davon bewältigen wir sowieso nur gemeinsam. Bei besonders schweren Tätigkeiten übernehmen meist die Männer, während ich andere Bereiche manage. Das darf ruhig traditionell bleiben, solange es fair ist. Am Ende zählen die vier oder mehr Hände, die gemeinsam anpacken.
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Claudia Entleitner auf ihrer Alm © Dürnberger

Was muss sich auf unseren Almen ändern, damit sie attraktiver für junge Frauen werden?

Viele Almen sind schon jetzt attraktiv für junge Frauen - Natur, Sinnhaftigkeit und Selbstständigkeit sind starke Gründe. Wichtig sind gute Arbeitsbedingungen und Entlohnung, klare Strukturen und zeitgemäße Arbeitsmittel. Auch flexible Modelle, etwa im Hinblick auf Arbeitszeiten oder Aufenthaltsdauern, können helfen. Entscheidend ist, dass junge Frauen sich wertgeschätzt fühlen.

Muss sich vielleicht auch an der Anspruchshaltung mancher jungen Frauen und Männer etwas ändern?

Ja, teilweise geht es auch um realistische Erwartungen an das Almleben. Faire Entlohnung ist wichtig, aber man muss auch wissen, worauf man sich einlässt - Arbeit, Wetter, Verantwortung. Wer eine Alm vor allem als Ausgleich für einen Sommer sucht, hat viele Möglichkeiten, die zu den eigenen Bedürfnissen passen. Zufriedenheit entsteht dort, wo Anspruch und Realität zusammenpassen.

Welche uralten Traditionen in der Almwirtschaft sind Gold wert - und welche gehören ins Museum?

Viele Traditionen verbinden Menschen, schaffen Identität und erhalten wertvolles Handwerkswissen - das ist Gold wert. Mir fällt aktuell keine Tradition ein, die Frauen bewusst ausbremst. Wichtig ist, dass Tradition nicht Stillstand bedeutet, sondern sich weiterentwickeln darf. Moderne Arbeitsgeräte und faire Rollenbilder können sehr gut mit Tradition zusammenpassen.
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Claudia Entleitner und ihr Mann auf der Alm © Mooslechner

Macht es heute im Almkontext noch Sinn, über geschlechtsspezifische Rollenverteilungen zu reden?

Die grundlegenden Arbeiten auf der Alm sind für alle gleich wichtig. Natürlich gibt es körperlich sehr schwere Tätigkeiten, die oft Männer mit Maschinen erledigen. Gleichzeitig übernehmen Frauen viele organisatorische und fachliche Aufgaben, die genauso unverzichtbar sind. Entscheidend ist nicht das Geschlecht, sondern dass die Arbeit gut gemacht wird.

Angenommen, du dürftest dir für die beiden UN-Jahresthemen 2026 drei Dinge wünschen - welche wären das?

Erstens mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung für die Arbeit der Bäuerinnen und Hirten. Zweitens bessere Rahmenbedingungen, damit Alm- und Berglandwirtschaft auch künftig wirtschaftlich machbar bleibt. Und drittens mehr junge Menschen - Frauen wie Männer -, die den Mut haben, diesen einzigartigen Beruf mitzugestalten. Denn die Almwirtschaft lebt von jenen, die sie mit Herz betreiben.


Danke für das interessante Gespräch!