Österreich: Warum Mütter so sind, wie sie sind

Wie Mutter-, Vater- und Geschwisterkomplexe entstehen. Und warum die Abnabelung von der Mutter den Nährboden einer neuen positiven Beziehung zu ihr bereitet.
Mütter Im Idealfall gibt es eine vertrauensvolle Beziehung  auch wenn verschiedene Weltbilder gelebt werden. © Bilderbox
Mütter Im Idealfall gibt es eine vertrauensvolle Beziehung, auch wenn verschiedene Weltbilder gelebt werden. © Bilderbox
Wenn Frauen Mütter werden, ist das eine Erfahrung, die das Leben einer Frau für immer verändert. Ihr Leben als Tochter wird zur Vergangenheit und die Zukunft als Mutter beginnt. Das Seelenleben einer Frau verändert sich von Grund auf. Eine neue Art des Denkens und Fühlens entsteht, bei der auch die Geschichte der eigenen Erziehung eine bedeutende Rolle spielt. Sie denken an Mutterfiguren in ihrem Leben und überprüfen, ob sie sich für ihre Mutterrolle eignen oder nicht. Sie entwickeln eine neue Sensibilität für ihre äußere Umwelt. Vieles was vorher unwesentlich war, erhält nun eine neue Bedeutung.

Es bilden sich neue Dreiecke. Das eine Dreieck besteht aus Vater, Mutter und Kind: Da in der ersten Zeit die Mutter mit dem Kind so eng verbunden ist, dass der Mann auf gewisse Weise zum Außenseiter wird, versucht er seinen Platz durch eine besondere Leistung für die Familie zu erobern. Wenn man um diese Dynamik weiß, lassen sich viele Konflikte mindern. Das andere Dreieck, das entsteht ist ein psychologisches Dreieck, ein neues Kraftfeld, das die Mutter mit ihrer Mutter und dem Neugeborenen bildet und welches dem Austausch und der Unterstützung dient. Die Mutterschaft ist eine Feuerprobe aus der aus einer alten eine neue Persönlichkeit wird.

Mutter/Baby-Verbindung

Wie entsteht nun diese tiefe Verbindung, die Babys zu ihren Müttern haben?
Das Baby steht der leiblichen Mutter seelisch organisch so nahe, wie nie wieder ein anderer Mensch. Die Gebärmutter ist sein Zuhause. Nur die leibliche Mutter kennt man von innen her. Das Baby hört ihr Herzklopfen, die Atem- und die Darmgeräusche. Es merkt die Tätigkeitsveränderungen des Körpers, wenn die Mutter sich freut oder traurig ist und das neun Monate lang. Das Kind erlebt sich selbst und seine Mutter als untrennbare Einheit. Für das Kind ist die Zeit im Mutterleib sein ganzes Universum. Sie sind vereint durch eine gemeinsame Lebens- und Gefühlshülle. Nach der Geburt bleiben sie durch ein unsichtbares Band weiter verbunden. Die Mutter spendet ihre Lebenskraft, ohne sie könnte das Kind nicht wachsen und gedeihen. Deshalb vermittelt die pure Anwesenheit der Mutter dem Neugeborenen Lebens- und Gefühlssicherheit. Fehlt die leibliche Mutter, fehlt ein großer Teil des Kindes selbst, es entsteht eine große klaffende Gefühlswunde, die später nur schwer zu heilen ist. Daher ist es für eine gesunde Entwicklung unerlässlich, dass das Baby für eine gewisse Zeit nach der Geburt die unmittelbare Nähe seiner Mutter spüren kann. Bei einem gesunden Verlauf verblasst die gemeinsame Gefühlshülle allmählich und das Kind baut seine eigene Lebenskraft auf. Die Art und Weise wie die Mutter ihr Kind zu lieben vermag, wird ihm später ermöglichen selbst zu lieben und geliebt zu werden.

Wer also während der Kindheit viel Zuwendung und Liebe, Fürsorge und Aufmerksamkeit erlebt hat, wird einen ursprünglich positiven Mutterkomplex entwickeln. Dieser Mensch hat das Gefühl einer fraglosen Daseinsberechtigung und fühlt sich letztlich auch getragen vom Leben. Er erwartet das Gute und erntet es auch. Er entwickelt ein Urvertrauen ins Leben, nach dem Motto: „Irgendwie geht es immer.“ Hatte eine Mutter aber Schwierigkeiten sich auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzustellen und gab es auch keine anderen mütterlichen Bezugspersonen, die Zuwendung geben konnten, wird dieser Mensch von einem ursprünglich negativen Mutterkomplex geprägt sein und Angst vor dem Leben entwickeln.

Komplexe Botschaften

Vater-, Mutter- aber auch Geschwisterkomplexe sagen etwas aus über die Atmosphäre, die Menschen umgeben. Sie entstehen aus der Interaktion des Säuglings oder des Kindes mit seinen Bezugspersonen. Die Art der Botschaften, die es vermittelt bekommt, sind sehr vielfältig. Je kleiner und schutzbedürftiger ein Kind ist, desto abhängiger ist es von den ihn umgebenden Menschen und dem Miteinander. Diese Prägungen sind ein Teil von uns und sie sind das, was wir oft als unser Naturell oder unsere Wesensart bezeichnen. Verhaltensweisen, die wir oft in gewissen Situationen entwickeln mussten und die uns als Kind geholfen haben, mit den Eltern doch noch eine hinreichend gute Beziehung zu leben, nehmen wir oft mit in unser Erwachsenenleben, obwohl wir sie in dieser Form nicht mehr brauchen. Machen wir uns das nicht bewusst, so reagieren wir auf aktuelle Situationen emotional unangemessen, d.h. mit einer Überreaktion. So „hat der Komplex uns“ und nicht umgekehrt und da hört dann auch die eigene Willensfreiheit über unser Verhalten auf. Machen wir uns die konstellierten Mutter- und Vaterkomplexe nicht bewusst, so projizieren wir sie nach außen und erleben gewisse Situationen immer und immer wieder. Gelingt es uns jedoch mit dem komplexhaften Geschehen in Kontakt zu treten, können wir die darin gebundenen Energien in eine gute Lebenskraft umwandeln, die den ganzen Menschen neu beleben und neue Denk-, Verhaltens- und Handlungsweisen ermöglichen.

Loslösen und Aufarbeiten

Die Ablösung von der Mutter erfolgt im Idealfall so, dass eine neue Beziehung zu ihr möglich wird, bei der das komplexhafte der Kindheitsbeziehung einigermaßen aufgearbeitet ist und wir so in eine gegenseitig bereinigte Form der Beziehung treten können. Eine empathisch geführte Auseinandersetzung mit der Mutter, bei der man den Lebensentwurf der Mutter achten lernt und sie dadurch auch tiefer versteht in ihrem so geworden Sein, führt zu einer achtsamen Wiederannäherung. So kann eine vertrauens- und würdevolle Beziehung wieder möglich sein, auch wenn die Mutter und ihre erwachsenen Kinder verschiedene Weltbilder leben.

EXPERTENTIPP: Mutterwunden heilen lassen

Aus meiner langjährigen Beratungstätigkeit weiß ich sehr wohl, dass es oftmals keine äußere Wiederannäherung geben kann, da Mütter dazu nicht imstande sind oder vielleicht unbekannt oder schon verstorben. Dennoch kann jeder Mensch innerlich seine Mutterwunden heilen und erkennen, dass ihnen ihre Mutter das größte Geschenk bereits gegeben hat: nämlich das Leben. Nehmen wir es dankend an und stellen wir uns den spannenden Herausforderungen, denn im Wirkungsfeld der Mutter schwingt auch das Tönen der Ahnenreihe und beeinflusst so unser Sein. Die Mutter ist und bleibt ein ganz besonderer Mensch in der Biografie eines jeden Menschen.

Bezirksbildungstage

Maga. Wilhelmine Kristof ist Lebens- und Sozialberaterin in St. Jakob/Rosental. Sie war Hauptreferentin bei den diesjährigen Bezirksbildungstagen der Landwirtschaftskammer Kärnten. Kontakt: www.w-kristof.at