f.eh: Lockdown belegt Bedarf einer lebenslangen Ernährungsbildung

Ungesunde Ernährungsweise und Bewegungsmangel führen häufig zu Übergewicht. Eine umfassende Ernährungs- und Bewegungsbildung ermöglicht unbeschwerten Genuss – auch in Krisensituationen.
Viele Menschen sind mit der eigenen Ernährung und dem veränderten Lebensstil während des Lockdowns überfordert. Ein unausgewogenes Essverhalten und ausgeprägter Bewegungsmangel können über längere Zeit zu Übergewicht sowie in der Folge Adipositas führen. Eine der Ursachen ortet das forum.ernährung heute (f.eh) in einer fehlenden Ernährungs- und Bewegungsbildung, die einen adäquaten Umgang mit der Komplexität bei Ernährung, Bewegung, Gesundheit und Lebensstil ermöglichen würde. “Ernährungsbildung befähigt die Menschen dazu, sich wissensbasiert ein Urteil zu bilden, sowie zu einer reflektierten und verantwortungsvollen Lebensführung. Das ermöglicht – auch und gerade in Krisensituationen - sowohl Selbstfürsorge und Genuss, als auch ein Abwägen von individuellen und gesellschaftlichen Folgen der eigenen Ernährung“, so Marlies Gruber, Geschäftsführerin des f.eh.

Das f.eh fordert daher eine Förderung entsprechender Bildungsprozesse, um den Menschen ein selbstbestimmtes und verantwortliches Handeln zu ermöglichen. Bestätigt wird das durch den Bildungsexperten für die Bereiche Umwelt und nachhaltige Entwicklung, Rolf Jucker. Er warnte beim Symposium des f.eh im Oktober 2020 etwa vor einer drohenden Entmündigung der Menschen und Verabsolutierungsversuchen mit gesundheitsschädigendem Charakter.

Das ist ein aktuell häufig auftretendes Phänomen in der Gesellschaft und betrifft Gesundheit, Sicherheit oder Nachhaltigkeit. Die Krux ist: Wird ein Teil verabsolutiert - z.B. die Gesundheit -, dann kann sich das ins Gegenteil umkehren, erläuterte der Philosoph Robert Pfaller. “Wird alles geopfert, um gesund zu sein, dann opfert man nicht nur alles andere, sondern letztlich auch die Gesundheit selbst.“ Das ist etwa der Fall, wenn sich Menschen beim Streben nach höchstmöglicher Gesundheit zu restriktiv und einseitig mit gewissen Lebensmitteln ernähren und dadurch letztlich Mangelerscheinungen zeigen können. Pfaller rät daher, diese teilvernünftigen Prinzipien zu verdoppeln, damit sie nicht in Unvernunft umschlagen. “Man muss nicht um jeden Preis gesund sein, sondern versuchen, auf gesunde Weise und mit Hausverstand gesund zu sein. Man muss versuchen, auf vernünftige Weise vernünftig zu sein, sonst wird die Vernunft selbst zur Unvernunft. Das ist auch entscheidend für die Frage des genussvollen Umgangs mit Essen.“

Um eine kritische Reflexion bei den Konsumenten zu erreichen, sind eine vernünftige Ernährungssozialisation im familiären, schulischen und beruflichen Kontext sowie eine umfassende, lebenslange Ernährungsbildung nötig, die auch eine wissensbasierte Urteilskompetenz vermittelt.

Wie diese gestaltet werden könnte, zeigt die Fachdidaktin für Ernährung, Claudia Angele von der Universität Wien und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des f.eh, anhand der Methode der Dilemma-Diskussion auf. Diese modelliert Lernsituationen, die durch die Diskussion einer themenbezogenen Dilemma-Geschichte ein begründetes und sachbezogenes Positionieren, gezieltes Wahrnehmen von Gegenpositionen sowie begründetes Reformulieren von Argumenten bei Kindern und Jugendlichen fördern sollen. Erste Ergebnisse zeigen, dass Schülerinnen und Schüler eigene Positionierungen begründet einnehmen sowie Gewichtungen von Argumenten verändern. Urteilskompetenz als Teil von Ernährungskompetenz zu entwickeln, bleibt aber letztlich eine Aufgabe lebenslangen Lernens. In der schulischen Ernährungsbildung kann lediglich der Grundstein gelegt werden, so Angele im Zuge des f.eh-Symposiums.