Die Situation der Bäuerinnen in Österreich 2016

Seit 1976 werden Österreichs Bäuerinnen alle zehn Jahre zu ihrer Arbeits- und Lebenssituation befragt. Nachfolgend präsentieren wir die wesentlichen Ergebnisse der Bäuerinnen-Befragung 2016.
Bundesbäuerinnentag 2017 in Alpbach © LKÖ/APA/Jan Hetfleisch
Bundesbäuerinnentag 2017 in Alpbach © LKÖ/APA/Jan Hetfleisch

Der Arbeits- und Lebensalltag von Bäuerinnen

Der Arbeits- und Lebensalltag von Bäuerinnen wandelt sich. Gesellschaftliche, (agrar)politische und wirtschaftliche Veränderungen haben sich nicht nur auf die landwirtschaftlichen Betriebe sondern auch auf das Lebens- und Arbeitsfeld der Bäuerin ausgewirkt. Bäuerinnen haben verschiedene Funktionen. Sie sind am Hof tätig, managen das Familienleben, engagieren sich im Ehrenamt und sind oftmals außerbetrieblich berufstätig. Das richtige Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Tätigkeiten zu finden, ist für viele eine große Herausforderung. 
Zwischen dem 2. Mai bis zum 3. Juni 2016 wurden die Bäuerinnen zu ihrer Arbeits- und Lebenssituation befragt. Die Datengrundlage für die Online-Befragung war der InVeKos-Datensatz 2014. Für die vorliegenden Ergebnisse wurden 2.432 Fragebogen ausgewertet.
Das Ergebnis ist eine ausführliche Sammlung von Kennzahlen zu Themen wie
Alltag am Betrieb und Haushaltssituation,
persönliche Lebenssituation,
die ehrenamtliche Tätigkeit,
spezielle Informations- und Weiterbildungsinitiativen
und Angaben zum Betrieb, zur eigenen Person sowie zum Partner.
Auch kritische Themen, wie das Image der Landwirtschaft, die Selbsteinschätzung der Berichterstattung in den Medien und die Zukunft des Hofes, werden angesprochen. Sie bilden eine Grundlage für die Arbeit der bäuerlichen Interessenvertretungen und dienen zur Information der Öffentlichkeit.

Herkunft der Bäuerinnen

Bäuerinnen kommen vermehrt aus dem nichtlandwirtschaftlichen Bereich. Nach wie vor sind zwei Drittel aller Bäuerinnen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen. Im Dekadenvergleich nimmt dieser Anteil jedoch ab. Hatten 1986 noch 90% der Befragten einen landwirtschaftlichen Hintergrund, so waren es 2016 67%. Den restlichen Anteil umfassen Frauen, die aus nicht-landwirtschaftlichen Herkunftsfamilien kommen und neue berufliche Wege in einem landwirtschaftlichen Betrieb (meist durch Einheirat) gehen. Es lässt sich erkennen, dass immer mehr Frauen ohne bäuerlichen Hintergrund in der Landwirtschaft Fuß fassen.
 

Familien- und Haushaltsituation

Der Hofalltag ist familienzentriert. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung sind in der Landwirtschaft die Großfamilie als die traditionell Familienform weit verbreitet: Die Kinder- und Heiratszahlen liegen über jenen des Durchschnitts für Österreich und es leben mehrere Personen zusammen in einem Haushalt bzw. in unmittelbarer Nähe zueinander. Die Anzahl der HofbewohnerInnen beträgt 2016 durchschnittlich 5 Personen. 2006 waren es 5,3 Personen und 1996 5,4 Personen. Dieser Wertliegt deutlich über der durchschnittlichen Haushaltsgröße der Gesamtbevölkerung von 2,2 Personen für das Jahr 2015.Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau ist im Dekadenvergleich während der letzten 20 Jahre leicht gesunken. Im Jahr 2016 haben 68% der Bäuerinnen 2016 zwei oder drei Kinder und 7% sind kinderlos.2016 hatten die Befragten im Schnitt 2,6 Kinder, 2006 2,7 und 1996 waren es genau 3 Kinder. Die in Österreich lebenden Frauen hatten 1996 durchschnittlich 1,45 Kinder, 2006 1,41 Kinder und 2014 1,46 Kinder. Im Vergleich mit der durchschnittlichen Kinderzahl aller in Österreich lebenden Frauen haben Bäuerinnen noch immer deutlich mehr Kinder. In der Partnerschaft dominiert nach wie vor die traditionelle Lebensform der Ehegemeinschaft. 84% der befragten Bäuerinnen sind verheiratet, im Jahr 2006 waren es 93%. Vergleicht man den Partnerschaftsstatus der Österreicherinnen mit jenem der befragten Bäuerinnen so ist der Anteil verheirateter Bäuerinnen deutlich höher.

Vielseitige Aufgaben

Traditionelle Geschlechterrollen werden in der Arbeitserledigung am Hof sichtbar. Bäuerinnen haben neben der Arbeit am (oder außerhalb des) Hof auch den Haushalt zu führen. Die Bäuerinnen müssen die Versorgung der Haushaltsangehörigen (70%, 2006 88%) sicherstellen, gleichzeitig die Bedarfe von Kindern (62%, 2006 77%) und alten Menschen (49%, 2006 82%) - auch Pflegebedürftigen – decken sowie Gartenarbeit (55%) leisten. Hinsichtlich der Aufgaben im Familien-, Haushalts- und Betriebsmanagement ist die „klassische“ Rollenverteilung weiterhin ausgeprägt. Zudem haben Bäuerinnen (60%) ihr Tätigkeitsfeld durch Zusatzangebote – wie Tagesmutter, Seminarbäuerin – entsprechend erweitert. Bei der Stallarbeit machen die Bäuerinnen mit 34% (2006 45%) der anfallenden Arbeit und bei der Feld- und Außenarbeit 23% (2006 28%). Die Partner und andere Personen fangen heute mehr auf als früher.Die Berufstätigkeit von Bäuerinnen außerhalb des eigenen Betriebs nimmt in vielfältigen Tätigkeitsfeldern zu. 37% (2006 22%) der Befragten geben an außerbetrieblich berufstätig zu sein, beiden Partnern sind es 58%. Die Hauptmotivation der Frauen für eine außerbetriebliche Berufstätigkeit ist die „finanzielle Unabhängigkeit“ (55%), gefolgt von der Motivation die „erlernten Fähigkeiten einzusetzen“ (53%) und der „Notwendigkeit eines zusätzlichen Einkommens“ (49%).

Bäuerinnen sind auch ehrenamtlich tätig

Waren 1996 nur 34% der Befragten in zumindest einer Organisation ehrenamtlich engagiert, sind es 2006 bereits 58% und 2016 66% der befragten Bäuerinnen. 27% der befragten Bäuerinnen haben eine leitende Funktion in einem Verein oder einer Organisation. Dieser Anteil erhöhte sich seit der Erhebung 2006 um zwei Prozentpunkte. 76% der sich engagierenden Bäuerinnen geben an, bis zu zwei Stunden pro Woche in einem Verein oder einer Organisation tätig zu sein. 19% der sich engagierenden Befragten arbeiten zwischen zwei und sechs Stunden und 5% mehr als sechs Stunden pro Woche. Um sich besser einbringen zu können, wünschen sich 40% der sich engagierenden Befragten mehr Zeit. 32% der sich engagierenden Befragten würde sich mehr Unterstützung von der Gesellschaft erwarten. Keine Unterstützung benötigen 29% und 14% der sich engagierenden Befragten möchten mehr durch die Familie unterstützt werden.

Partnerschaftlich unterwegs

Für die Bäuerinnen ist es heute selbstverständlich, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Die alleinige Verantwortung der Bäuerin für betriebliche Entscheidungen ist 2016 gegenüber 2006 rückläufig. In Zahlen sind es 2016 13% der Bäuerinnen, die allein betriebliche Entscheidungen treffen, 2006 waren es 42%. Gleichzeitig werden mittlerweile immer häufiger Entscheidungen gemeinsam mit dem Partner oder Ehemann getroffen. Auf 76% der Höfe wird dieses partnerschaftliche Modell gelebt und deutet eine Entwicklung an, die sich schon 1986 abzeichnete (rund 64%). Bei den Eigentumsverhältnissen ergibt sich folgendes Bild. Bei 51% (2006: 43%) der Befragten befindet sich der Betrieb im gemeinsamen Eigentum der Bäuerin und des Bauern. Bei 31% (2006: 14%) der Befragten ist der Ehepartner oder Lebensgefährte der Eigentümer und nur bei 13% (2006: 42%) ist die Bäuerin die alleinige Eigentümerin. Der Rest (2016: 6% und 2006: 1%) entfällt auf die Kategorie „Andere“, z.B. Banken, zwei Betriebe.

Gebildete Bäuerinnen

Die Bäuerinnen weisen zunehmend andere Bildungsabschlüsse auf. Im Dekadenvergleich zeigt sich die Veränderung. Bei einem Vergleich mit den Erhebungen 1996 und 2006 nehmen die Lehre (28-30%) sowie die berufsbildenden mittleren Schulen und Fachschulen (28-32%) eher eine konstante Größe ein. Bedeutend abgenommen hat bei den Befragten der Anteil jener ohne Pflichtschulabschluss und mit Pflichtschulabschluss (1996: 40%, 2006: 26% und 2016: 8%). Die Zahl der Befragten, die Matura oder einen Universitätsabschluss haben, nahm bedeutend zu (1996: 4% und 2006: 13%). 2016 hatte 34% der Befragten einen Matura-, Fachhochschul- oder Universitätsabschluss.

Berufswahl Bäuerin

Die österreichischen Bäuerinnen sehen die eigene betriebliche Zukunft eher positiv, und sieben von zehn Bäuerinnen würden diesen Beruf wieder wählen. Im Trend ist aber die Stimmung negativer als vor 20 bis 30 Jahren. Im Jahr 1976 gaben 76% der Befragten an, dass sie den Beruf wieder ergreifen würden, bis 1996 (67%) nahm die Zufriedenheit kontinuierlich ab und 2006 (69%) und 2016 (73%) wieder zu. Die sich wandelnden Rahmenbedingungen haben sich entscheidend auch auf die Lebens- und Arbeitssituation der Bäuerinnen ausgewirkt. Im Zuge dessen hat sich auch das Selbstverständnis der Frauen in der Landwirtschaft und damit auch die Arbeitsaufteilung und Lebensweise in bäuerlichen Betrieben verändert. Um auf die Herausforderungen zu reagieren, hat die AGRE Österreichische Bäuerinnen ein Positionspapier verfasst.